Gottesdienst in Rübgarten und Gniebel am 26.12.2020 in Corona-Zeiten

 Liebe Gemeinde,

Meine heutige Ansprache hat zwei Punkte:

  1. Was wir von alten Menschen lernen können
  2. „Hauptsache gesund?“ Wirklich?

In diesen Adventstagen hörte ich mir bei längeren Autofahrten zu meiner Mutter eine CD an, die der „Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.“ herausgegeben hat.

Sie heißt:“ Weihnachtsgeschichten aus schwerer Zeit“. Die schwere Zeit – das war der 2. Weltkrieg von 1939 bis 1945, und es waren die Jahre danach, in denen Hunderttausende deutscher Soldaten in Gefangenenlagern vor allem in der Sowjetunion ein elendes Dasein fristeten, das viele nicht überlebten. Auf dieser CD werden Erinnerungen an Heilig Abend erzählt, so wie ihn einzelne Soldaten in diesen Jahren des Kriegs und der Gefangenschaft fern der Heimat erlebt hatten.

Ich muss gestehen, dass mir beim Hören dieser Erlebnisse manchmal fast die Tränen kamen. Wir alle haben dieses Jahr vieles entbehren müssen, was sonst in der Advents- und Weihnachtszeit alte Tradition oder für viele auch liebgewordene Gewohnheit ist. Seien es Weihnachtsmärkte und Weihnachtsfeiern, Konzerte und gemeinsames Singen, Krippenspiele und Familientreffen, nicht zu vergessen das Verreisen in alle Welt. Wenn ich in den vergangenen 10 Tage, seit der harte Lockdown verhängt wurde, in Tübingen unterwegs war, sah ich den Leuten ihre trübe Stimmung richtig an. Da war keinerlei Vorfreude oder feierliche Stimmung zu spüren, keine leuchtenden Augen, die man ja trotz Masken durchaus noch sehen könnte, sondern fast alle Männer und Frauen, die mir begegneten, wirkten irgendwie bedrückt, besorgt, verstimmt, enttäuscht. Und da dachte ich, dass ich all diesen Menschen gern die CD mit den Weihnachtsgeschichten aus schwerer Zeit schenken würde. Warum? Weil man beim Hören dieser Erzählungen merken würde, was wirkliche Probleme sind. Weil man erkennen würde, wie verwöhnt wir alle sind.. Unsere Einschränkungen sind ungewohnt und unbequem, aber eigentlich sind es Luxusprobleme im Vergleich zu dem, was diese Menschen vor 70, 75 Jahren entbehren mussten. Denn es waren ja nicht nur die Männer in Krieg und Gefangenschaft, es waren auch viele ausgebombte Familien daheim, viele Frauen ohne Männer und Kinder ohne Väter, die sich irgendwie durchschlagen mussten. In fast jeder Familie hing das Bild eines Gefallenen an der Wand, ja, dieser Tage las ich ein Buch von einem Mann, geboren 1927 in der Nähe von Donaueschingen, von dessen sieben älteren Brüdern fünf nicht mehr heimkamen.

Doch zurück zu der CD. Wenn ich höre, was diese Soldaten damals, oft noch junge Kerle, keine 20 Jahre alt, alles entbehren mussten, dann muss ich mich fast dafür schämen, über was wir uns heute beklagen. Schon jahrelang hatten manche von ihnen ihre Liebsten nicht mehr gesehen  – ihre Eltern, ihre Frauen, Freundinnen, Kinder! Für viele war ständiges Frieren an der Tagesordnung, und das über Monate hinweg. Die meisten wussten nicht mehr, was es bedeutet, in einem Bett zu schlafen, warm und weich, oder wie es sich anfühlt, genug zu essen zu haben! Viele kämpften sich von Tag zu Tag, ohne zu wissen, ob und wann sie endlich wieder Frieden und Freiheit erleben würden, ob und wann sie ihre Liebsten wieder sehen würden. Liebe Gemeinde, noch gibt es Menschen unter uns, die uns von dieser schweren Zeit erzählen können, doch sie werden von Jahr zu Jahr weniger. Nehmen Sie jede Gelegenheit wahr, ihnen zuzuhören, denn Sie können dann gar nicht anders, als dankbar zu werden. Ich will damit die Entbehrungen und Opfer, die Nöte und finanziellen Probleme dieses Jahres nicht verharmlosen, aber ich will sie ins richtige Verhältnis setzen zu dem vielen, was uns geblieben und was ganz und gar nicht selbstverständlich ist. Dass Friede herrscht, dass wir ein Dach über dem Kopf haben, dass wir unsere Wohnungen heizen können. Dass an Essen und Trinken kein Mangel besteht. Dass abends ein warmes, weiches Bett auf uns wartet. Dass es noch nie so einfach war, miteinander zu reden, auch über weite Entfernungen hinweg. Dass wir so leicht an gute Unterhaltung herankommen. Dass wir jederzeit einen Arzt holen können, wenn es uns schlecht geht, selbst an den Feiertagen und selbst wenn wir wenig Geld haben. Das gibt’s auch heute noch fast nirgendwo auf der Welt! – Doch das wichtigste, wonach sich diese Männer damals gesehnt haben, was sie ganz dringend brauchten,  war Glaube, Liebe, Hoffnung, und damit bin ich beim zweiten Punkt. Gesundheit ist wichtig, aber sie ist nicht das wichtigste im Leben.

Fällt ihnen das auch auf: seit es Corona gibt, wird einem ständig zugerufen oder gesagt, man solle gesund bleiben. Aber ist Ihnen noch nie aufgefallen, wie viele gesunde Menschen es gibt, die dennoch überhaupt nicht zufrieden, geschweige denn glücklich  sind? Und haben Sie umgekehrt auch schon gemerkt, wie zufrieden Menschen mit eingeschränkter Gesundheit oder Behinderte oft sind? Mein Mann ist beratendes Mitglied in einer Gruppe, zu der etliche behinderte Menschen gehören, weil es um Inklusion geht, und er erzählt mir immer wieder, wie fröhlich es in dieser Gruppe oft zugeht. Und ausgerechnet am Heiligen Abend kam ein Film über Wolfgang Schäuble, den CDU-Politiker, der ein begeisterter Sportler war und vor 30 Jahren von einem psychisch Kranken in den Rollstuhl geschossen wurde. Und dennoch sagt er: „Ich habe viel Glück gehabt in meinem Leben, politisch aber auch privat.“ Kein Wort davon, wie hart es ist, vom 3. Brustwirbel abwärts gelähmt zu sein, wie bitter es ist, immer zu den Menschen hinaufschauen zu müssen, wie schwer, immer auf Hilfe angewiesen zu sein. Oder denken sie an Samuel Koch, der seit der verlorenen Wette bei Th. Gottschalk im Rollstuhl sitzt. Er macht kein Hehl daraus, dass sein Leben nicht einfach ist, aber er sagt auch, dass ihm sein Glaube hilft, ein zufriedener Mensch zu sein. „Glaube, d.h. Vertrauen, Liebe, Hoffnung“, das ist der Schlüssel zu einem glücklichen Leben, dann erst kommt die Gesundheit.

Die Hoffnung ist ja das eigentliche Thema, um das es an Weihnachten geht. Mit Jesus kam eine Hoffnung in die Welt, eine Hoffnung, die über dieses irdische Leben hinausreicht, weshalb alle, die an ihn glauben, sich auch nicht mit aller Gewalt an dieses irdische Leben klammern müssen. Jesus gab sein Leben für seine Überzeugung hin und hat uns klargemacht, dass es nicht entscheidend ist, wie lange man lebt, sondern was man mit seiner Lebenszeit anfängt. Ob man seine Lebenszeit nutzt, um  eine Verbindung zu Gott aufzubauen, die so tief geht, dass sie uns auch durch Sterben und Tod hindurchbegleitet.

Verstehen Sie mich recht, auch ich lebe gerne und will nicht am Coronavirus sterben. Doch andererseits kann ich mir auch gut vorstellen, irgendwann einmal lebenssatt zu sein, so wie ich auch dann, wenn mir ein Essen vorzüglich schmeckt, irgendwann einfach satt bin. Außerdem bin ich gespannt auf das, was mich nach dem Tod erwartet. Ich vertraue darauf, dass ich dann dem begegne, an dessen Gegenwart und Unterstützung ich mein Leben lang geglaubt habe. Jesus sagte „In der Welt habt ihr Angst… „- und daran halte ich mich: er ist stärker als die Welt, er wird das letzte Wort haben, auch in unserem Leben, egal, wie lange es dauert. Kann uns das nicht gelassen machen? Glaube, Liebe, Hoffnung. Liebe!. „Stille Nacht, einsame Nacht“ stand am Hl. Abend auf der Titelseite unserer Zeitung. Das kann ich so nicht nachvollziehen. Natürlich ist es schön, wenn geliebte Menschen leibhaftig um den Tisch herum sitzen, wir sie sehen und umarmen können, aber ich muss mich doch nicht einsam fühlen, wenn ich mit ihnen dieses Jahr nur telefonieren oder skypen kann. Das große Problem unserer Zeit ist, dass viele Menschen nicht wissen, wie man Freunde gewinnt. Wissen Sie, was die wichtigste Zutat ist? Ehrliches Interesse am anderen. Ich kenne eine Menge Leute, und mir fällt es immer wieder auf, dass viele sich gar nicht wirklich für ihre Mitmenschen interessieren. Von Jesus kann man aber eines lernen: Wer sich seinen Mitmenschen aufgeschlossen, großzügig, hilfsbereit und voller Respekt und Mitgefühl zuwendet, der wird nie einsam sein, denn er wird immer auf Resonanz stoßen. Doch wer egoistisch vor allem nur an sich selbst denkt und wer bei Streitigkeiten nicht bereit ist, wieder auf den anderen zuzugehen und ihm zu verzeihen, der oder die wird irgendwann sehr einsam sein. Glaube, Liebe, Hoffnung – Glaube heißt, wörtlich übersetzt, sich verlassen auf Gott. Dieses Vertrauen zeigt sich ganz besonders auch im Gebet, und dazu möchte ich Ihnen eine ungewöhnliche Geschichte erzählen, die ich dieser Tage in dem Kalender „Der andere Advent“ gelesen habe. Sie geschah im Dezember letzten Jahres. Eine Frau wird in der Nähe von Dresden in der Straßenbahn kontrolliert und hat zu ihrem Schrecken weder Geldbeutel noch Fahrschein dabei. Die Schaffnerin hält inne und fragt die umstehenden Fahrgäste, ob sie der jungen Frau glauben soll, dass sie beides aus Versehen daheim liegengelassen hat. Alle nicken eifrig. „Was soll ich denn jetzt mit Ihnen machen?“ fragt die Schaffnerin. Der ertappten Frau fällt nichts ein. Da springt der Augenzeuge, der die Geschichte aufschrieb, ein und schlägt vor: „Vielleicht kann die Dame ja ein Lied singen oder ein Gedicht aufsagen!” Die Schaffnerin fragt die arme Sünderin, ob sie einverstanden ist, doch diese bekennt stotternd, dass sie mit beidem ihre Probleme hat, vor so vielen Leuten. Was dann? Atemlose Stille. Plötzlich fragt die Schaffnerin: „Können Sie beten?“ – Ja, das kann ich vielleicht, sagt die junge Dame zaghaft. Dann, sagt die Schaffnerin und öffnet weit ihre Arme: „Toll! Dann schließen Sie uns bitte heute alle in Ihr Abendgebet ein!“ Und geht weiter zum nächsten Wagen. Was für eine wunderbare Idee, was für eine wichtige Aufgabe, liebe Gemeinde, gerade jetzt in dieser schweren Zeit: dass wir füreinander beten. Wenn du betest, geh in dein stilles Kämmerlein, sagt Jesus, und ich bitte sie jetzt alle, etwas aufzuschreiben, was ihnen wichtig ist und wofür sie gern hätten, dass jemand andres betet. Ich sammle dann die Zettel ein und gebe jedem am Ausgang einen. Dann wissen Sie auf jeden Fall schon mal eine sinnvolle Beschäftigung für die eingeschränkten Tage, die noch vor uns liegen. Ich bitte Sie um diesen Liebesdienst füreinander, weil ich darauf vertraue, dass da einer ist, der uns hört. Einer, der abwägt, ob unsere Bitte sinnvoll ist oder nicht. Einer, dem nichts unmöglich ist. Darauf hoffe ich – und Sie hoffentlich auch. Amen.

 

Dr. Beate M. Weingardt, Tübingen