Gottesdienst am 26.12.21 in Rübgarten/ Gniebel – Dr. Beate Weingardt

Ps.1

Liebe Gemeinde,

was war und ist das für ein Hin und Her dieses Jahr, das in wenigen Tagen zu Ende geht. Ständig muss man sich auf neue Regeln einstellen, ständig muss man nachweisen, dass man nicht krank ist, also vermutlich gesund. Unser ganzes öffentliches Leben, sei es in Schule, Beruf, Kultur, Kirche, Einzelhandel, Sport, einfach alles wird dem Ziel unterworfen, dass möglichst wenig Menschen an diesem Virus erkranken oder gar daran sterben. Dabei verlässt man sich leider fast nur auf die Ratschläge von Virologen und Epidemiologen, und man verlässt sich auf Impfungen. Wie sinnvoll das ist, darüber will ich jetzt gar nicht streiten. Ich will etwas anderes – ich will unseren Blick heute darauf lenken, dass wir  Christen noch andere Möglichkeiten haben, die uns helfen, körperlich und seelisch gut durch diese Zeit zu kommen. „Wir Christen“ – darunter verstehe ich Menschen, die sich an Jesus von Nazareth festmachen. ER, geboren als ein Mensch wie wir, ist für sie die Tür, die sich zu Gott hin öffnet, so wie sich für die Hirten in Bethlehems Stall mit Jesus die Tür zu einer großen Hoffnung geöffnet hat. ER ist für Christen der Stern, auf den sie schauen wie die Weisen aus dem Morgenland, die fest davon überzeugt waren, dass dieser Stern eine Bedeutung für sie hat. ER ist für sie der von Gott Bevollmächtigte, an dessen Worten und Taten sie wie später die Jünger  ihr eigenes Leben und Handeln ausrichten. Nicht zuletzt ist ER derjenige, der verheißen hat, dass unser Tod kein Schlusspunkt ist, sondern ein Doppelpunkt: wir gehen weiter, wir gehen heim zum Vater. Natürlich gehört noch mehr zum Glauben dazu, dem einen ist das noch sehr wichtig, dem anderen jenes, das ist ein lebenslanges Thema. Was ich heute möchte: ich möchte meine persönlichen 3G-Regeln mit euch teilen. Regeln, die mir persönlich mehr Sicherheit und Hoffnung geben als die ganzen 3 und 2 und 2+-Regeln, die wir in unserem „Länd“ alle befolgen müssen.

Das 1. G: Gelassenheit

Gelassenheit ist das Gegenteil von Angst. Wer Angst hat, ist unter Druck/Stress, wer gelassen ist, ist entspannt Wie aber sollten wir keine Angst haben, wo uns seit bald 2 Jahren fast jeden Tag von allen Seiten, seis Internet, Fernsehen, Radio oder Zeitung Angst gemacht wird? Wie können wir bei diesem ständigen Alarmsirenengeheul gelassen bleiben? Anders gefragt: was könnte ein Grund für Gelassenheit sein? Jesus hat ihn genannt: er selbst ist der Grund. In der Welt habt ihr Angst“, sagt er, ja, das ist so, „aber seid zuversichtlich, ich bin stärker als die Welt“, so stehts in Joh. 16,33. Jesus nimmt unsere Angst ernst, er weiß, dass es Mächte gibt, die uns gefährlich werden können, aber er will, dass wir seine bzw. Gottes Macht ernster nehmen als die Bedrohungen dieser Welt. Ist das eine Aufforderung zum Leichtsinn? Gewiss nicht, aber eine Aufforderung zur Gelassenheit. Das Wort „Gelassenheit“ hat übrigens ein Christ erfunden : der im Jahr 1260 geborene Dominikanermönch Meister Eckart. Er schrieb: „Kein Mensch kann gelassen sein, wenn er sich nicht selbst gelassen hat.“ Er meinte damit: nur wer sich selbst loslässt, weil er sich Gott überlässt, auf Gott verlässt, kann lernen, gelassen zu sein. Das braucht Mut, aber mutig ist man viel eher, wenn man nicht allein ist.

Damit komme ich zu meinem zweiten persönlichen G: Gemeinschaft.

Jetzt in C-Zeiten ist alles auf Abstand programmiert, komm mir nicht zu nahe, fass mich nicht an, denn das könnte gefährlich sein. Natürlich ist Abstand auch ein Schutz, keine Frage. Doch wenn wir uns an Jesus orientieren, so stellen wir fest, dass er zu niemandem ängstlich Abstand hielt. Obwohl er das als frommer Jude wegen der Reinheitsgebote hätte ständig tun müssen. Sie schrieben vor, dass man sich von allen, die durch irgendeinen Umstand „gottfern“ lebten (z.B. Zollbeamte, Prostituierte), fernhalten musste, so als ob ihr „Sünder-Sein“ ansteckend wäre! Doch Jesus wusste, dass Menschen ohne Nähe und Gemeinschaft seelisch verdursten wie Pflanzen, die zu wenig Wasser bekommen, schließlich heißt es schon im 1. Kapitel der bibel: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei. – Warum wünschen sich fast alle Menschen, an Weihnachten nicht allein zu sein? Weil ein Fest erst ein Fest ist, wenn wir unsere Freude, unsere Hochstimmung mit jemandem teilen können. Natürlich gibt es heute Telefon, Handy, Internet, aber es ist kein Ersatz für die Nähe und Gegenwart von geliebten Menschen. Ich bin mir sicher: wenn wir aus Weihnachten nicht die große alljährliche Familienzusammenkunft gemacht hätten, wäre es schon lange ausgestorben. Doch Jesusnachfolger sehen noch mehr darin, sie sehen das Licht, das durch Jesus in die Dunkelheit ihrer Ängste und Schmerzen gekommen ist. Sie sehen in Jesus einen Mann, für den Nähe und Berührung wichtig waren. Kein körpersprachliches Signal wird so oft von ihm berichtet, als dass er sich berühren ließ oder berührte – sogar einen hochansteckenden Aussätzigen hat er einmal berührt, lesen wir. Und im Gleichnis vom Verlorenen Sohn erzählt Jesus, wie der Vater, als er seinen Sohn von ferne erblickt, ihm entgegenläuft, ihn umarmt und küsst, noch bevor dieser etwas sagen kann. Die Liebe lässt den Vater alle Distanz aufgeben – und wir trauen uns oft nicht mehr, einander auch nur die Hand zu geben. – Ich betone nochmals, es geht mir nicht um Leichtsinn oder um die Missachtung von Hygieneregeln, sondern es geht darum, dass wir Jesus ernstnehmen, der sagte: „Nehmt die Seele mindestens so wichtig wie den Körper!“ Und haben Sie schon einmal überlegt, warum er auch gesagt hat: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“? -Ich glaube, Jesus wusste ganz einfach, dass die besten Begegnungen zwischen Menschen zu zweit oder dritt, vielleicht auch mal zu viert stattfinden. Da kann man persönlich werden, kann sich öffnen, kann konzentriert einander zuhören, aufeinander eingehen, einander beistehen. Natürlich ist es auch schön, in großer Runde zu lachen und zu singen, aber die wirklich hilfreichen Begegnungen in unserem Leben finden eher abseits der großen Gruppen statt. Der Hirnforscher Gerald Hüther hat soeben ein Buch veröffentlicht mit dem Titel „Lieblosigkeit macht krank“, darin schreibt er: „Wir Menschen sind zutiefst soziale Wesen und wir können die in uns angelegten Potentiale, d.h. Fähigkeiten, nur in einer Sicherheit bietenden Gemeinschaft mit anderen Menschen zur Entfaltung bringen.“ Allerdings ist die Sicherheit, die uns Menschen bieten können, immer nur auf Zeit, und sie ist auch nie 100%ig.

Damit bin ich beim 3. G: Gottvertrauen.

Haben Sie schon mal Bungeespringern zugeschaut? Sie können sich nur fallen lassen, weil das Seil, an dem sie hängen, an einem stabilen Punkt befestigt ist. Darauf vertrauen sie. Und Fallschirmspringer können sich nur aus großer Höhe in die Tiefe stürzen, weil sie mit ihrem rettenden Schirm über feste Seile verbunden sind. Darauf vertrauen sie. Das hebräische Wort für Glauben bedeutet wörtlich: sich festmachen an Gott. Es zielt also darauf ab, dass wir uns ganz und gar an Gott binden, auf Gott verlassen. Doch die Versuchung, sich auf andere Mächte zu verlassen, war schon immer groß. Davor wird im AT oft gewarnt. In Psalm 146,3ff steht: „Verlasst euch nicht auf Regierende, sie sind Menschen, die können ja nicht helfen… Heil dem, dessen Hilfe der Gott Jakobs ist, der seine Hoffnung setzt auf den Herrn, seinen Gott.“ Auch die Propheten warnten ihre Könige immer wieder, sich nicht zu sehr auf andere Staaten zu verlassen, so z.B. Jes. 31:  „Weh denen, die hinabziehen nach Ägypten um Hilfe und sich auf deren Gespanne verlassen! Aber Ägyptens Oberhaupt ist ein Mensch und nicht Gott, und seine Gespanne sind Fleisch und nicht Geist.“ – Worauf verlassen wir uns? Bei allem Respekt vor der Wissenschaft – vielleicht sollten wir in der Kirche den Mut haben, uns mehr an den Worten Jesu zu orientieren, anstatt nur das nachzubeten, was Politiker oder Virologen sagen. Vielleicht sollten wir wie die Propheten einst in Israel die Stimme erheben und kritische Fragen stellen. Zum Beispiel die Frage, ob Gott uns Menschen in dieser Seuche vielleicht daran erinnern möchte, dass wir nach wie vor nicht alles im Griff haben? Dass wir eben nicht Herren über Leben und Tod sind, sondern immer noch akzeptieren müssen, dass unser Leben immer gefährdet ist. „Wird’s besser? Wird’s schlimmer? So fragen wir jährlich. Seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich!“ dichtete Erich Kästner, und so ist es. Vielleicht sollten wir Christen unsere Mitmenschen mehr daran erinnern, dass wir das Leben auch dazu verwenden sollten, um uns mit der Frage zu befassen, ob wir eine Hoffnung über den Tod hinaus haben? – Der Fallschirmspringer, so sagte ich vorhin, wagt es nur, sich in die Tiefe zu stürzen, weil er über feste Seile mit dem rettenden Schirm verbunden ist. Aber jetzt kommt der Haken: er muss an diesen Schnüren auch ziehen, sonst bleibt der Schirm zusammengeknüllt in seinem Rucksack und kann sich nicht entfalten. Mit anderen Worten, der Springer muss auch was tun! Ich höre in so vielen Predigten, Glaube sei ein Geschenk, erst jetzt wieder hats Frau Käßmann irgendwo verkündigt, und jedesmal denke ich: das ist nur die halbe Wahrheit. Alles Wertvolle und Wichtige im Leben ist nicht nur Geschenk, sondern auch eigenes Bemühen und Engagement – es seien feste Freundschaften, eine sorgfältige Kindererziehung, eine gute Partnerschaft, Erfolg im Beruf usw. Der Fallschirmspringer sagt auch nicht, es ist ein Geschenk, wenn mein Fallschirm sich entfaltet. Sondern er weiß, dass er seinen Teil dazu beitragen muss. Was aber können wir tun, damit unser Glaube uns so nährt, wie der Bach mit seinem Wasser den Baum nährt (siehe Psalm 1)? Fünf einfache Ideen seien genannt:

  • Gemeinsam glauben – und darüber diskutieren und sprechen
  • Lesen, wie erfahrene Menschen, denen Gott und Glaube etwas bedeutete, ihr Leben auch in Krisen und Ängsten gemeistert haben.
  • Nicht allein bleiben, sondern Beziehungen pflegen. Uns dabei auf das Verbindende konzentrieren, nicht auf das Trennende. Den Menschen wichtiger nehmen als seine evtl. komischen Meinungen, und ihm beistehen, wenn er uns braucht. Denn Menschen, denen wir eine Stütze sind, geben auch uns Halt im Leben. Wir beschenken sie – aber sie uns auch!
  • Jeden Tag beten – zum Beispiel auch beim Autofahren, statt Radiohören.
  • Gute Lieder singen, bei der Arbeit, beim Wandern, beim Duschen, egal wo. Wenn ich z.B. von Simon und Garfunkel das fröhliche Lied „Mrs. Robinson“ höre, singe ich immer eine Zeile mit: „Jesus loves you more than you will know“ (Jesus liebt dich mehr, als du weißt). Oder denken Sie an das schöne Lied: „Herr deine Liebe ist wie Gras und Ufer“ wo unsere heutige Situation in der Pandemie geschildert wird: „Und dennoch sind da Mauern zwischen Menschen, und wie durch Gitter (hinter Masken) sehen wir uns an. Unser versklavtes Ich ist ein Gefängnis, und ist gebaut aus Steinen unserer ,,, Herr, du bist Richter, du nur kannst befreien, wenn du uns freisprichst, dann ist Freiheit da…“ (EG 43) Ein wunderbarer Zuspruch!

Amen.